Immer wieder kommt es – speziell in Häusern mit älterer Elektroinstallation – zu tragischen Stromunfällen. Aktuell war der Fall einiger schwerverletzter Musiker nach einem Stromunfall in einer Kirche in der Presse, vor einigen Jahren starb ein Feuerwehrmann, der einen vollgelaufenen Keller mit seiner elektrischen Tauchpumpe auspumpen wollte. Dem Verfasser dieses Artikels sind aus seiner beruflichen Tätigkeit etliche ähnlicher Fälle bekannt, die alle eines gemeinsam haben: die sogenannte „Klassische Nullung“.

Grundproblem: Elektrogeräte mit Metallgehäuse
Metallgehäuse von Elektrogeräten können durch einen Defekt im Inneren, wie einen abstehenden Draht o.ä., unbemerkt unter Spannung gesetzt werden. Das ist gefährlich. Berührt man das unter Spannung stehende Gehäuse, kann ein Strom über den eigenen Körper gegen das Erdreich abfließen. Dieser Strom kann lebensgefährlich sein. Wie löst man das Problem? Man sorgt dafür, daß das Metallgehäuse mit dem Rückleiter verbunden wird und somit definiert 0 V hat. Gerät jetzt ein abstehender Draht innen ans Gehäuse, wird die Spannung sofort gegen den Rückleiter abgeführt, es entsteht ein Kurzschluß, der die Sicherung auslöst, die den Stromkreis abschaltet – Gefahr beseitigt.

Zweidrahtsystem und Klassische Nullung
Früher gab es lediglich zwei Drähte in den meisten Stromkreisen, einen Hin- und einen Rückleiter. Der Hinleiter führt die Netzspannung (heute 230 V), der Rückleiter führt keine Spannung (0 V). Der Verbraucher wird an diesen beiden Leitern angeschlossen. Um das Problem mit den Metallgehäusen zu lösen, führte man die Schutzkontaktsteckdose ein, die neben den Kontakten für Hin- und Rückleiter einen dritten Kontakt, nämlich den Schutzkontakt, hat. Das ist der frei berührbare Bügel oben und unten in der Steckdose. Dieser ist auf der Seite des Verbrauchers mit dem Metallgehäuse verbunden. In der Steckdose wurde der Schutzkontakt früher über die sog. „Nullungsbrücke“ mit dem Rückleiter verbunden. So war sichergestellt, daß fehlerhaft auf das Gehäuse verschleppte Spannungen abgeführt werden (ordnungsgemäßer Zustand ganz links im Bild). Diese Machart nennt der Fachmann „Klassische Nullung“.

Probleme der Klassischen Nullung
Die Klassische Nullung wird regelmäßig durch zwei heimtückische Fehler zur Todesfalle. Bei beiden gezeigten Varianten liegt kein Defekt des Verbrauchers vor.

  • Unterbrechung des Rückleiters
    Falls der Rückleiter in seinem Verlauf unterbrochen wird, kann die Spannung, die den Verbraucher über den Hinleiter erreicht, nicht abgebaut werden. Sie liegt in voller Höhe am Verbraucher und – durch die Nullungsbrücke in der Steckdose – genauso am Metallgehäuse! Eine Berührung des Gehäuses bedeutet Lebensgefahr, weil über den eigenen Körper so ein Strom abfließen kann. Die fehlende Funktion des Verbrauchers verführt noch zusätzlich dazu, das Gerät anzufassen (zweite Darstellung von links).
  • Hin- und Rückleiter irrtümlich vertauscht
    Das gleiche Endergebnis ergibt sich, wenn im Verlauf der Leitung versehentlich eine Vertauschung von Hin- und Rückleiter geschieht. Weil der Rückleiter in der Steckdose über die Nullungsbrücke mit dem Gehäuse verbunden ist, wird bei einer Vertauschung sofort auch das Gehäuse unter Spannung gesetzt (dritte Darstellung von links).
    So war es im Fall des tödlich verunglückten Feuerwehrmannes, die Beschreibung des Stromunfalls in der Kirche deutet auf das gleiche Problem hin. Das geschieht oft, wenn alte Installationen erweitert werden oder wenn Freizeitelektriker „mal schnell“ eine Steckdose oder ein Elektrogerät anschließen.
    Fatal hierbei ist, daß der Fehler jahrzehntelang unentdeckt bleiben kann. Alle eingesteckten Geräte funktionieren wie immer. Steht man auf gut isolierendem Boden, z.B. auf trockenem Holz wie in der Kirche, fließt selbst bei der Berührung eines unter Spannung stehenden Metallgehäuses kein Strom ab. Kommt man aber zusätzlich mit einem Teil in Kontakt, das mit dem Rückleiter verbunden ist (alle geerdeten Teile eines Hauses oder eben auch ein in einer anderen, korrekt angeschlossenen Steckdose eingestecktes Elektrogerät mit Metallgehäuse), wird der Stromkreis geschlossen und der Stromunfall ist da. Die reine Funktion einer elektrischen Installation sagt nichts über deren Sicherheit aus.

Ein einziger Fehler in einer ansonsten intakten Installation darf nicht zu einer lebensgefährlichen Situation führen. Deshalb wurde die Anwendung der klassischen Nullung in Neubauten 1973 verboten, es gilt allerdings Bestandschutz, sofern keine direkte Gefahr von der Installation ausgeht. Seither sind alle üblichen Stromkreise mindestens mit drei Adern auszuführen, die allesamt definierte Funktionen haben. Es gibt einen Hinleiter, einen Rückleiter und den getrennt geführten und grün-gelb gekennzeichneten Schutzleiter. Je nach Installationsart gibt es die Nullungsbrücke durchaus noch, sie befindet sich aber zentral für alle Stromkreise und vor Beschädigung geschützt in der Elektroverteilung. Ihre Entfernung führt lediglich zum Ausfall der angeschlossenen Verbraucher, macht aber nicht die Schutzmaßnahme unwirksam (Darstellung ganz rechts im Bild) und verursacht auch nicht die Gefahr des Stromschlages.

Fazit für die Feuerwehr
Als Feuerwehr sollte man dem eisernen Grundsatz treu bleiben: Wir bringen unseren Strom selbst mit und verlassen uns nicht auf die Installation unserer „Kundschaft“. Die Unfallkasse Baden-Württemberg hat ein Informationsschreiben hierzu herausgegeben.

Anmerkung
Einem Nichtelektriker diese Zusammenhänge zu erklären ist mitunter schwierig. Wir versuchten hier, so wenig wie möglich Fachbegriffe zu verwenden und das Problem anschaulich darzustellen.

1 Kommentar zu „Stromunfall durch mangelhafte Elektroinstallation“

  • Robbe:

    Sehr anschaulich erklärt, endlich habe ich es begriffen wie gefährlich diese alte nullung ist !!!
    es kommt bei uns sofort ein FI Schalter ins System und alle leitungen erhalten einen grüngelben Schutzleiter (Erde)

    Danke an die Feuerwehr

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